Ausgewählte Artikel

Folgenden Artikel finden Sie in der Februarausgabe 2015 des “Schlesischen Gebirgsboten:

Gedanken zur Zeit

Manche von uns lesen jeden Morgen die Losungen und schöpfen so aus Gottes Wort Kraft für den Tag. Das ist nicht nur ein immer wiederkehrendes Ritual. Man hält inne für einen kurzen Augenblick, lässt den Gedanken freien Lauf und dankt Gott dafür, dass man wieder einen neuen Tag beginnen darf. Dieses Innehalten vor Gott erscheint mir besonders dann von Nöten, wenn  uns z. B. ein besonders schwerer Tag bevorsteht, wenn wir vor einem großen Auditorium eine Rede halten sollen, wenn eine schwierige Operation ansteht oder wenn wir einen guten Freund zu Grabe tragen müssen.

Ob uns Gott im alltäglichen Leben wie auch in schweren Stunden zur Seite steht, können wir nicht wirklich wissen, aber wir können es glauben zu wissen. Die Erfahrungen eines langen Lebens und die daraus gewonnene Einstellung zum Leben ist sehr unterschiedlich. Die einen fühlen sich trotz mancher Schicksalsschläge von Gott getragen, andere fühlen sich von Gott verlassen. Mir scheint, dass bei einigen Menschen, je älter sie werden, die eigene Gebrechlichkeit immer mehr ins Zentrum all ihrer Überlegungen rückt. Das ist sicher bis zu einem gewissen Grade verständlich. Jedenfalls wird man sich zusehends der Endlichkeit des eigenen Lebens bewusst.

Gerade die Generation der Vertriebenen und Flüchtlinge, die 1945 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene waren, haben die Schrecken des Krieges und der frühen Nachkriegszeit noch bewusst erlebt, aber besonders im Westen unseres Landes, im „Wirtschaftswunder-Deutschland“, machten sie dann meist eine gute Ausbildung, bauten sich eine Existenz auf, gründeten Familien und lebten und leben seit inzwischen vielen Jahrzehnten glücklich und zufrieden, ohne ihre ursprüngliche Heimat im Osten Deutschlands vergessen zu haben.

Ich erinnere mich noch sehr deutlich an einen Streit mit meinem Vater, mit dem ich mich ansonsten gut verstanden habe. Es war Mitte der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, mein Vater war in Rente gegangen und nutzte die neu gewonnene freie Zeit dafür, seine Vergangenheit aufzuarbeiten. Wochenlang beschäftigte er sich mit dem Leben seiner Familie in Landeshut, schaute sich alte Fotos an, wälzte Fachbücher und Kriegsaufzeichnungen. Ich besuchte meine Eltern, als mein Vater seine Aufzeichnungen nahezu beendet hatte. Als Geschichtslehrer, damals um die 40, interessierte mich natürlich sehr, was mein Vater herausgefunden hatte, was für Schlüsse er aus alldem gezogen hatte, denn seine Geschichte ist ja unmittelbar auch meine eigene.

Nach mehr als 60 Lebensjahren war mein Vater zu der Überzeugung gekommen, Hitler habe ihm die Jugend genommen, habe sein Leben zerstört. Ich war fassungslos über diese irrwitzigen und negativen Schlussfolgerungen meines Vaters. In einem langen Monolog machte ich ihm deutlich, dass seine Gedanken vollkommen falsch seien. Zwar habe er seine schlesische Heimat mit gut 20 Jahren verlassen müssen und seitdem habe er aber über 40 Jahre erlebt, in denen er eine Familie gegründet habe, glücklich mit unserer Mutter zusammenlebe, zwei wohl geratene Söhne habe, die ihrerseits inzwischen Familien haben. Er sei beruflich erfolgreich gewesen, habe jahrzehntelang die Verwaltung eines Krankenhauses innegehabt und im Übrigen sei er bis zu diesem Zeitpunkt nahezu kerngesund gewesen. Was, bitte schön, habe denn „Herr Hitler“ nun für einen Stellenwert in diesem langen Leben? – Nun, es gelang mir zum Glück, meinen Vater aus seinem seelischen Tief zu befreien, wir lagen uns mit Tränen in den Augen in den Armen und das gegenseitige Verständnis füreinander verstärkte sich noch in den kommenden wenigen Jahren, die ihm noch blieben.

Damals ahnte ich nicht, dass ich mich zwanzig Jahre später ebenfalls intensiv mit dem Landeshuter Raum, seinen Menschen und seiner Geschichte beschäftigen würde. Noch oft denke ich an meinen Vater und halte manchmal für einen kurzen Augenblick inne, lasse meinen Gedanken freien Lauf und danke Gott, auch wenn mir kein schwerer Tag bevorsteht.

Wolfgang Kraus

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Folgenden Artikel finden Sie in der Dezemberausgabe 2012 des “Schlesischen Gebirgsboten”:

„Wisset nur, daß Dichterworte…“

„Wisset nur, daß Dichterworte

um des Paradieses Pforte

immer leise klopfend schweben,

sich erbittend ew´ges Leben.“

(J. W. v. Goethe)

Ob allen Dichterworten wirklich ewiges Leben zuteil wird, ist wohl eher unwahrscheinlich. Von denen aber, die den Sprung in die Ewigkeit geschafft haben, dürften einige aus der Feder Gerhart Hauptmanns stammen.

Sich an diesen großen Dichter deutscher Zunge zu erinnern und seine Worte gegenwärtig sein zu lassen, bot das Jahr 2012 gleich zwei gewichtige Anlässe: zum einen die 100-jährige Wiederkehr der Nobelpreisverleihung an Hauptmann, zum anderen sein 150. Geburtstag am 15. November.

An diesem Tage im Jahre 1862 wird Gerhart Hauptmann in Obersalzbrunn als jüngstes Kind des Hotelbesitzers Robert Hauptmann und seiner Frau Marie geboren. Schon früh nimmt der junge Gerhart seine Umwelt mit wachem Bewusstsein wahr. Und diese ist keineswegs sozial einheitlich. Für die sozialen Unterschiede stehen dabei die durch den Salzbach getrennten Orte Ober- und Niedersalzbrunn: der eher mondäne Badebetrieb in Obersalzbrunn (dem späteren Bad Salzbrunn) einerseits, an dem der elterliche Hotelbetrieb „Zur Krone“ regen Anteil nimmt, andererseits das stark vom Waldenburger Industriegebiet her geprägte Niedersalzbrunn.

Selbst also in einer bürgerlichen Familie aufwachsend, erlebt schon der junge Hauptmann das noch nicht durch die Sozialgesetzgebung gemilderte Elend der Gründerjahre. Dabei hat für ihn die Welt der kleinen Leute etwas Faszinierendes. Und so taucht er nach eigenen Worten „Tag für Tag,  meiner Neigung überlassen, in den Bereich des Hofes, der Straße, des Volkslebens“, denn – so seine Begründung für die Neigung zu den kleinen Leuten – „nach unten wächst nun einmal die Natürlichkeit, nach oben die Künstlichkeit“ (zit. n. Stiller-Kern, aaO, S. 153).

Diese Haltung wirkt sich auch auf Hauptmanns Kunstverständnis aus. Der bürgerlichen Künstlichkeit setzt er eine Kunst der Natürlichkeit entgegen, die Kunst, in der die kleinen Leute die Hauptrolle spielen: der „Fuhrmann Henschel“,  der „Bahnwärter Thiel“, die Mutter Wolffen im „Biberpelz“, Familie John in den „Ratten“, das Hannele in „Hanneles Himmelfahrt“ usw.

Oft stecken hinter den Hauptmannschen Figuren ganz reale Menschen. So begegnet er 1891 in Reichenbach (Eule) einem 13-jährigen ärmlichen und halbwaisen Mädchen, das zum Urbild der Hannele wurde.

Und Hauptmann präsentiert die Menschen, wie sie sind und scheut sich deshalb auch nicht, ihren Dialekt in seine Dramen einfließen zu lassen. Und so findet also unser heimatliches Gebirgsschlesisch Eingang in die große Weltliteratur.

Das trifft auch auf Hauptmanns bekanntestes Werk „Die Weber“ zu. Hier wird kräftig gepauert. Das bringt schon der ursprüngliche Titel „Die Waber“ zum Ausdruck. Und auch hier schreibt Hauptmann nicht einfach ein Stück über die Weberarmut an sich. Er verfasst vielmehr „eine Erzählung vom Großvater, der in jungen Jahren, ein armer Weber, wie die Geschilderten hinterm Webstuhl gesessen“ (aaO., S. 154).

Jedenfalls verärgert dieses Stück das preußisch-deutsche Staatsoberhaupt Wilhelm II. so sehr, dass er seine Theaterloge kündigt – in den liberalen Zeiten der Monarchie eine starke Demonstration, die einen enormen Skandal auslöst. Allerdings hat Hauptmann vor der Inszenierung am Deutschen Theater noch anwaltlich erklären lassen, dass es sich bei dem Stück nicht etwa um eine sozialdemokratische Parteischrift, sondern um einen dichterischen Aufruf an das Mitleid der Besitzenden handele.

Hauptmann hat um diese Zeit schon eine gewisse Berühmtheit errungen. Die Zeiten des Misserfolgs und der künstlerischen Suche sind längst vorbei. Nahezu bedeutungslos wirken jetzt seine große Abneigung gegenüber einem geregelten Schulbesuch, die gescheiterte Landwirtschaftslehre, die Ablehnung, als „Einjähriger“ dienen zu dürfen, seine abgebrochenen Studien in Breslau, Jena, Dresden und Berlin und schließlich sein ebenfalls misslungener Versuch, sich in Rom als Bildhauer niederzulassen, der sinnenfällig damit endete, dass eine von ihm geschaffene Tonplastik eines germanischen Kriegers in sich zusammenbricht.

Doch ab Mitte der 80er Jahre hellt sich Hauptmanns Leben dauerhaft auf. Mit „Bahnwärter Thiel“ und dem Drama „Vor Sonnenaufgang“ stellen sich erste literarische Erfolge ein. Auch privat geht es nun zunehmend aufwärts, nicht zuletzt durch eine Damenbekanntschaft. 1882 lernt Gerhart auf der Hochzeit seines Bruders Georg auch die Schwester der Braut, Frl. Marie Thienemann, kennen. Dies bleibt nicht ohne Folgen. Noch im selben Jahr wird aus seiner Schwägerin seine Verlobte, drei Jahre später dann seine Braut. Marie bringt als Radebeulsche Kaufmannstochter nicht nur Geld ins Haus, sie schenkt ihm auch drei Söhne: Ivo (1886), Eckart (1887) und Klaus (1889).

Zunächst lebt er mit seiner Familie in Berlin, 1891 erwirbt er gemeinsam mit seinem Bruder Carl in Schreiberhau, dort also wo Riesengebirge und Isergebirge aneinanderstoßen, ein Haus.

In Schreiberhau entstehen nun wichtige Werke, so die schon erwähnten Dramen „Die Weber“ (1892) und „Der Bibelpelz“ (1893). Und in Schreiberhau verliebt er sich neu. Margarete Marschalk heißt nun die Dame seines Herzens. 1900 schenkt sie ihm einen Sohn mit Namen Benvenuto. 1904 wird er sie heiraten. Aber dieses Ereignis findet dann schon nicht mehr in Schreiberhau, sondern in Agnetendorf statt. Dort hat sich Hauptmann 1901 ein festungsartig anmutendes Haus mit dem Namen „Wiesenstein“ bauen lassen.

Um die Jahrhundertwende beginnen nun auch die öffentlichen Ehrungen. 1896 erhält Hauptmann den Schillerpreis, danach dreimal den Grillparzerpreis, 1909 die Ehrendoktorwürde der Universität Leipzig, 1912 schließlich den Literaturnobelpreis. Hauptmanns eigenes Urteil über sich lautet demzufolge: „Ich glaube, ich bin ein Genie!“ (aaO, S. 155).

Auch nach dem I. Weltkrieg, den er wie viele deutsche Intellektuelle lebhaft begrüßt, setzen sich die Ehrungen fort. Sogar das Amt des Reichskanzlers wird ihm angetragen. Allerdings hat sich da Hauptmann schon gewandelt bzw. ist durch die Riesengebirgswelt gewandelt worden, hat sich ihr anverwandeln lassen. Aus ihm ist jetzt ein Mensch geworden, der das  Großstadtgetriebe mehr und mehr scheut.

Schon in seiner Berliner Zeit erschreckt ihn die Großstadt mindestens genauso wie sie ihn fasziniert. Diese Melange der Gefühle teilt er mit Dichterfreunden vom „Friedrichshagener Dichterkreis“, wie Wilhelm Bölsche und Bruno Wille, allesamt Vertreter des Naturalismus, auf die brennenden Fragen der Zeit eingeschworen und gleichermaßen angeekelt von dieser Zeit.

Schon damals will man zurück zur Natur, wenngleich es seinerzeit nur bis in das einige Bahnstationen von Berlin entfernte Friedrichshagen reicht.

Immerhin, viele alte Friedrichshagener folgen  Hauptmann ins Riesengebirge, so dass man zurecht sagen kann, dass das brandenburgische „Gründeutschland“, wie Otto Blumenthal Friedrichshagen einmal spöttisch nannte, als Vorläufer der bekannteren Schreiberhauer Künsterlerkolonie, die sich nun um die Gebrüder Hauptmann bildet, anzusehen ist.

Dem geistig-künstlerischen Austausch kommt entgegen, dass Gerhart und seine zweite Frau auf dem Wiesenstein ein gastfreies Haus führen. Der Dichterfürst hält Hof und sie kommen alle gern und regelmäßig, selbst aus dem fernen Berlin: Max Reinhard, Otto Brahm, Felix Hollaender, Alfred Kerr, Paul Wegener usw. So hält die ferne Großstadt mit ihren angenehmen Seiten Einzug im Riesengebirge.

Dabei schottet sich Hauptmann im Wiesenstein innerlich mehr und mehr ab. Nicht umsonst nennt er ihn „die mystische Schutzhülle meiner Seele“ (zit. n. Pohl, aaO, S.96). Wenn Hauptmann nun auf den Wiesenstein ruft, dann geht es nicht mehr um die Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse und deren dichterische Verarbeitung im allgemeinen, sondern nahezu ausschließlich um ihn selber und sein Werk. Separatinteressen der Gäste oder Angestellten werden auf dem Wiesenstein nicht geduldet. Alles hat sich an Hauptmann auszurichten. Erhard Kästner, sein langjähriger Sekretär, fasst das in die Worte: „der Alte frißt Menschen“ (zit. n. Stiller-Kern, aaO, S. 159).

Auch politisch verändert sich Hauptmann. Muss er sich noch in seiner Jugend den Vorwurf der Nähe zur Sozialdemokratie gefallen lassen und gehören nach dem ersten Weltkrieg Männer wie Ebert und Rathenau zu seinem Freundeskreise, so scheut er in späteren Jahren die politische Parteinahme mehr und mehr. Zu sehr fühlt er sich jetzt der politischen Sphäre enthoben. Dazu kommt seine Schicksalsgläubigkeit. Somit wertet er auch den Nationalsozialismus als schicksalsgegeben. Viele intellektuelle Zeitgenossen, allen voran Thomas Mann und Alfred Kerr, werden ihm diese apolitische Haltung nicht verzeihen.

Dabei ist Hauptmann alles andere als ein nationalsozialistischer Hofdichter. Den Nazis gilt er als „unfruchtbarer Zersetzer seiner Zeit“ (aaO, S. 160). Goebbels bezeichnet sein Schaffen als „weinerliche Mitleidsdichtung“ (ebd.). Offizielle Feiern zu seinem 75. Geburtstage unterbleiben weitgehend.

Aber die aus Hauptmanns Schicksalsgläubigkeit geborene Akzeptanz der politischen Verhältnisse  lässt ihn nicht blind werden für die Einzelschicksale. An der Beerdigung seines jüdischem Freundes Max Pinkus nimmt er als einziger Nichtjude teil, seinen ebenfalls jüdischen Freund Joseph Chapiro unterstützt er finanziell im Exil, so gut es geht. Und er ergreift Partei für politische verfolgte Dichterkollegen wie seinem Freund Gerhart Pohl. Pohl verdanken wir auch die literarische Schilderung der letzten Lebensmonate Hauptmanns auf dem Wiesenstein.

Die Freundschaft der beiden geht auf das Jahr 1932 zurück. Damals hatten sich Hauptmann und Pohl in Breslau persönlich kennengelernt. Im gleichen Jahr bezog Pohl in Wolfshau ein schwedisches Holzhaus. Hier entstehen in den folgenden Jahren nicht nur viele der Pohlschen Bücher, dieses Haus erlangt vor allem Bedeutung als „Fluchtburg“ für politische Gegner des Nationalsozialismus, wie z. B. Carlo Mierendorff oder Jochen Klepper.

Und hier ist Pohl auch Hauptmann nahe. Nachdem dieser hautnah die barbarische Zerstörung des alten Dresdens mit – und wie durch ein Wunder überlebt und auf abenteuerlichen Wegen nach Agnetendorf zurückgefunden hat, dokumentiert nun Pohl das hereinbrechende Chaos von Flucht, Fremdbesetzung und Vertreibung, das sich um den Wiesenstein herum in den darauffolgenden Monaten ereignet.

Im Oktober 1945 kommt es unter seiner maßgeblichen Mithilfe auf dem Wiesenstein zu einer denkwürdigen Begegnung zwischen Hauptmann und Johannes R. Becher. Aus dem Riesengebirge bringt letzterer eine Erklärung Hauptmanns mit, die am 11. Oktober in der „Täglichen Rundschau“ veröffentlicht wird. Sie ist an das deutsche Volk gerichtet. In ihr heißt es: „Es gibt keinen Augenblick, in dem ich nicht Deutschlands gedenke… Jeder kleine Fortschritt bedeutet mir, Tag und Nacht, im Traum und  im Wachen, Deutschland. Ich kenne keinen anderen Gedanken, und alles ist nur der. Wenn etwas hinzukommt, so ist es der feste Glaube an Deutschlands Neugeburt, und davon lasse ich nicht einen Augenblick.“ (zit. n. Gerstmann, aaO, S. 121).

Im Frühjahr 1946 erscheint im neugegründeten „Aufbau-Verlag“ (Berlin) der kleine Band „Neue Gedichte“. Es ist die letzte Buchpublikation zu Hauptmanns Lebzeiten.

Hauptmanns letzte eigene Lektüre indessen ist das Neue Testament. Noch kurz vor seinem Tode, so berichtet es Pohl, lässt er sich einen Rotstift bringen, um darin einen Vers aus dem 2. Korintherbrief anzustreichen: „Der ward entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, welche kein Mensch sagen kann.“ – heißt es dort im 12. Kapitel.

Kurz darauf, am 6. Juni 1946, erlischt Hauptmanns irdisches Lebenslicht. Drei Tage davor fallen seine letzten Worte. „Sie formten kein Vermächtnis des Künstlers, keinen Appell an die Welt, kein Wort der Liebe für die wahrhaft geliebte Gattin, vielmehr – die in ihrer Möglichkeit bestürzende, die Menschheit tief beschämende Frage: ‘Bin ich noch in meinem Hause?’ Einer der größten Dichter und der größte Schlesiens überhaupt ist in dem Bewußtsein der drohenden Obdachlosigkeit gestorben.“ (Pohl, aaO, S. 96).

Hauptmanns letzter Wunsch, im Park des Wiesensteins begraben zu werden, lässt sich nicht erfüllen. Stattdessen wird sein Leichnam mit einem Sonderzug in die damalige Mittelzone überführt. Seine letzte Ruhe findet er auf der von ihm geliebten Insel Hiddensee. Damit sei, so Becher in seiner Traueransprache in Stralsund, die Insel zu einem „Wallfahrtsort“ geworden. „Ein guter Geist unseres Volkes hält dort Wache.“ (zit. n. Gerstmann, aaO, S. 120).

Seinem schon erwähnten jüdischen Freund Joseph Chapiro hatte Hauptmann einst geschrieben: „Ein Mensch hat entweder seine Welt oder gar keine. Und wenn er sie hat, so muß er sie pflegen und festhalten, weil sie zerstörbar ist.“

Hauptmanns Welt, so könnte man meinen, ist zerstört. Ein deutsches Riesengebirge gibt es nicht mehr. Die Waber und ein Hannele sucht man in Schlesien vergeblich. Und gepauert wird jenseits der Neiße nur noch höchst selten.

Aber überall auf der Welt gibt es Menschen, die sich von Hauptmanns Dichtung gefangennehmen lassen und in seine Welt eintauchen. Und wer immer das tut, der sorgt ein klein wenig dafür, dass diese Welt nicht ganz verschwindet und manchem seiner Dichterworte ewiges Leben zuteil wird.

Dirk Carolus Metzig

Literatur:

Gerstmann, Günter: Nachwort zu „Bin ich noch in meinem Hause“, Herne, 2003

Pohl, Gerhard: „Bin ich noch in meinem Hause“, Martin-Opitz-Bibliothek, Herne, 2003

Sprengel, Peter: „Der Dichter stand auf hoher Kante“, Propyläen, Berlin, 2009

Stiller-Kern, Gabriele: „Ich bin alles, was ist“ in „Die imposante Landschaft – Künstler und Künsterlerkolonien im Riesengebirge…“, Berlin/Hirschberg, 1999, S. 149ff.

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Folgenden Artikel finden Sie in der Novemberausgabe 2012 des “Schlesischen Gebirgsboten”:

Gedanken zum Totensonntag

Wenn ich in Landeshut bin, gehe ich regelmäßig zum Gedenkstein auf dem ehemaligen Friedhof der ev. Gnadenkirche und ich besuche den katholischen Friedhof und streife nachdenklich durch die Grabreihen. Oft denke ich, ich bin auf der törichten Suche nach den Gräbern meiner Vorfahren. Immerhin stoße ich dann manchmal noch auf die Überreste deutscher Grabstellen insbesondere im Bereich der Friedhofsmauer.

Mit zunehmendem Alter drängen sich immer häufiger Gedanken über den Tod in das Leben. Ich lese früh morgens die Zeitung und beim Überfliegen der Todesanzeigen fällt mir auf, wie viele Menschen gestorben sind, die zum Teil deutlich jünger waren als ich.

Kürzlich trug ich einen guten Freund mit zu Grabe, er verstarb an einem seltenen Nierenkrebs. Er wurde nicht einmal 65 Jahre alt. Fast 60 Jahre habe ich ihn gekannt, schon seit unserer gemeinsamen Schulzeit waren wir befreundet gewesen. Beim abschließenden Leichenschmaus kam ich mit einem jüngeren Pfarrer ins Gespräch, der meinen Freund gut aus der Gemeindearbeit und auch aus der Schule, wo sie gemeinsam gearbeitet hatten, kannte. Er erklärte mir, dass er sehr traurig darüber sei, dass mein Freund schon jetzt verstorben sei, wo er doch eigentlich noch nicht „dran sei“. Als ich mein Gegenüber daraufhin etwas fragend anschaute, ergänzte der Pfarrer: „Jetzt sind doch erst die 20er Jahrgänge mit Sterben dran!“

Wieder Zuhause dachte ich über diese etwas seltsam anmutende Aussage eines Pfarrers nach. Gerade er musste doch wissen, dass wir Menschen uns alle in Gottes Hand befinden und dass nur er entscheidet, wann ein irdisches Leben vollendet ist.

Vermutlich hatte er den bekannten Vers aus Psalm 90 im Sinn: „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre…“ (Psalm 90,10). Das Leben in unserer fortschrittlichen Gesellschaft führt dazu, dass die durchschnittliche Lebenserwartung bei Männern heute bei knapp 80 Jahren liegt, bei Frauen sogar deutlich über 80 Jahren. Aber das ist eben nur ein statistischer Mittelwert und hat mit einem individuellen Leben fast nichts zu tun. Natürlich hat ein Pfarrer schon beruflich mit dem Sterben und dem Tod zu tun und er beerdigt im Allgemeinen mehr Menschen, die das 80. Lebensjahr bereits überschritten haben, also die 20er Jahrgänge. Doch wie ist es, wenn ein Kind stirbt, wenn eine Mutter ihren 30jährigen Sohn beerdigen muss, wenn ein junger Vater Frau und Kind verliert? – Darauf gibt es keine Antworten, die wir Menschen geben können. Wir können vielleicht etwas trösten, zuhören, einfach da sein. Ob ein Leben vollendet oder unvollendet ist, entzieht sich unserer menschlichen Entscheidung. Das gilt ebenso für den Tod meines Freundes.

Es sei dem jungen Pfarrer zu Gute zu halten, dass er durch den Tod meines Freundes selbst sehr betroffen gewesen war und er sich des Verlustes in seinem persönlichen Leben bewusst wurde.

Im Psalm 90, 12 heißt es dann übrigens weiter: „Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.“

Wolfgang Kraus

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Folgenden Artikel finden Sie in der Märzausgabe 2012 des “Schlesischen Gebirgsboten”:

Die verlorene Heimat – seelische Verarbeitung  für Generationen

Als Angehöriger der unmittelbaren Nachkriegsgeneration gehöre ich zu den Zeitgenossen, die ihr Arbeitsleben inzwischen abgeschlossen haben. Erstmals, man kann sagen seit Jahrhunderten, führt in unserem Lande eine Generation ein friedvolles Leben gewissermaßen von der Wiege bis zur Bahre. Hoffen wir, dass es noch vielen nach ihnen vergönnt sein möge. Diese einfache Tatsache kann gar nicht hoch genug geschätzt werden. Ein Blick in die eigene Vergangenheit verdeutlicht dies. Einige meiner Urgroßeltern (Geburtsjahrgänge 1858 – 1876) haben von Kindheit an im Laufe ihrer Leben drei bis vier Kriege erleiden müssen. Meine Urgroßmutter Reuss starb als Letzte dieser Generation 1946 noch in Landeshut. Die Großeltern (Geburtsjahrgänge 1894 – 1899) erlebten als junge Menschen den 1. und als gestandene Erwachsene den 2. Weltkrieg mit all seinen Schrecken. Mein Großvater Kraus kam aus diesem Krieg nicht mehr zurück.

Es folgte die Vertreibung aus der Heimat Schlesien mit seinen schrecklichen Folgen. Die Entwurzelung traf die Älteren sicher härter als ihre Kinder, meine Eltern (geb. 1922 und 1924), aber sicher bin ich mir da nicht. Heute frage ich mich oft: „Wo ließen meine Großeltern und Eltern all ihren Schmerz über das Erlittene, das unaussprechliche Leid, die Ungerechtigkeit, die sie erdulden mussten?“ Die Schrecken des Krieges, Flucht und Vertreibung wurden verdrängt, wurden zum Tabu. Sie schwiegen über das schreiende Unrecht, das ihnen widerfahren war. Sie schwiegen, wie die meisten ihrer Leidensgenossen, vergruben den Schmerz tief in ihrer Seele und ich stellte keine Fragen oder stellte sie, als es fast schon zu spät war, noch jemanden zu befragen.

Als Kind fühlte ich mich oft fremd in dieser meiner schlesischen Familie, verstand vieles nicht von dem, was man sich erzählte. Wenn die Familie sich an Festtagen traf, wenn der Alkohol sie alle etwas rührseliger machte, begannen die Alten zu „pauern“ und sprachen von „bei uns zu Hause“ oder „Derheeme“. Mir als in Niedersachsen geborenes Kind fehlte völlig das Verständnis für Orte und Geschehnisse, die mir damals so fern lagen wie der Mond und die Sterne. Meine „Zuhause“ waren meine Eltern, meine Familie, meine Spielkameraden, der Ort, in dem ich aufwuchs. Landeshut hätte für mich auch in Amerika liegen können. Ich hatte damals noch keinen rechten Bezug zur Geschichte meiner Familie.

Hierin besteht sicher auch ein wichtiger Aspekt dafür, dass meine Generation insgesamt so wenig an der Geschichte und Tradition der schlesischen Heimat interessiert war und ist. Wir sind davon abgeschnitten worden durch den Verlust der alten Heimat und nicht zuletzt auch durch jahrzehntelanges Schweigen über Schlesien und Ostdeutschland überhaupt in den ersten Jahrzehnten der bundesrepublikanischen Geschichte.

Andreas Kossert schreibt dazu: „Infolge des Schweigens über Schlesien, Ostpreußen, Pommern, Böhmen und Siebenbürgen über Jahrzehnte hat sich in der Bundesrepublik Unkenntnis ausgebreitet. Mit dem Verlust des deutschen Ostens ging auch das Wissen verloren, schwand das Interesse an der jahrhundertealten, reichen Kultur in diesem Raum. Nach Flucht und Vertreibung wurden schließlich auch die Vertreibungsgebiete aus dem Gedächtnis verbannt, ja vertrieben.“[1]

Das Thema Vertreibung wurde in der öffentlichen Diskussion weitgehend gemieden. Ebenso gravierend wie diese politischen Verwerfungen sind die psychischen Auswirkungen der Vertreibungserfahrung und deren Folgen für Millionen von Menschen und ihrer Kinder und Kindeskinder. Erst seit wenigen Jahren werden diese Zusammenhänge näher und weitgehend vorurteilsfrei erforscht.[2]

In der alten Bundesrepublik lag zwar kein eigentliches Tabu auf dem Thema der Vertreibung aus Ostdeutschland wie es aus politischen Gründen in der früheren DDR vorlag, aber wer dieses Thema anschnitt, setzte sich unmittelbar dem Revanchismusverdacht aus und wer wollte das schon. Bei Kossert lesen wir: „Im Volk der Täter konnte es, durfte es keine Opfer gegeben haben. Dieses Bewußtsein hat vermutlich die Kaltherzigkeit hervorgebracht, die die Nachkriegsgeneration gegenüber dem Schicksal der Vertriebenen an den Tag legte.“[3]

Wenn es heute zu einer schrecklichen Katastrophe, wie z. B. einem schweren Zugunglück kommt, sind neben den Rettern sofort Seelsorger und Psychologen vor Ort, um sich der überlebenden Menschen anzunehmen, um ihnen ihre seelischen Schmerzen zu erleichtern.

Bei den millionenfachen Vertreibungsopfern gab es ähnlich wie bei den übrigen Kriegsopfern keinerlei psychologische Betreuung und mit Sicherheit gab es viel zu wenige Seelsorger, die sich ausreichend um das massenhafte Elend der Menschen kümmern und Trost spenden konnten. So trugen die Vertriebenen Trauer, Ohnmachts- und Schuldgefühle, Verzweiflung, Angst vor Vernichtung, vor Trennung, vor Verlust sowie Wut auf die Vertreiber ein Leben lang mit sich[4]. Die schon Erwachsenen unter ihnen klagten kaum. Ihre Gefühle vergruben sie tief in ihrer Seele. Sie waren in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit der Bewältigung des Alltags beschäftigt und sie trugen ganz erheblich zum Wiederaufbau und zum sog. Wirtschaftswunder in der alten Bundesrepublik bei. So wies z. B. der niedersächsische Ministerpräsident McAllister in seiner Rede bei der Abschlusskundgebung des Schlesiertreffens 2011 in Hannover ausdrücklich auf die Aufbauleistung der Schlesier für Niedersachsen hin.

Heute weiß man, dass das Erlittene, das unsere Eltern und Großeltern von dem Erlebten nicht ertragen konnten, abgespalten und an die nachfolgende Generation weitergegeben wurde. „Das Ausmaß der seelischen Schäden, die Krieg und Vertreibung bei Kindern hinterlassen haben, wird erst jetzt, da bei dieser Generation die Erinnerung an die Kindheit wieder stärker hervortritt, deutlich.“[5]  In den ersten Jahrzehnten nach dem Kriegsende konnten seelische Kriegsverletzungen noch nicht angemessen behandelt werden. Zwar war immer unbestritten, dass es derartige Verletzungen gab, aber ein systematische Behandlung war kaum möglich. Oft behalfen sich die Mediziner mit der Phantasiediagnose „vegetative Dystonie“[6]

„Von den Auswirkungen der Vertreibung kann sich die Psychoanalyse erst allmählich ein Bild machen. In der Nachkriegszeit waren Vertriebenenschicksale so häufig, daß man ihre spezifische Bedeutung für psychische Auffälligkeiten … gar nicht erkannte. Nicht zu Unrecht wurde gerade in dieser ‚Normalität’ der Grund dafür gesehen, daß erst jetzt das pathogene Potential von Krieg und Vertreibung ins Blickfeld rückt. Jetzt zeigt sich, daß die traumatische Erfahrung ihren Schatten auch auf die folgende Generation geworfen hat.“[7]

Beispielhaft für die Bearbeitung dieser Thematik sei hier Sabine Bodes Buch „Nachkriegskinder“[8] genannt, in dem sie die Schicksale von Kindern darstellt, die in der Nachkriegsgesellschaft aufgewachsen sind und deren Eltern als Erwachsene den Krieg miterlebt haben.

Zum Schluss ist noch darauf zu verweisen, dass wir alle die Erinnerung an das reiche kulturelle Erbe des historischen deutschen Ostens bewahren müssen, wenn unser kollektives Gedächtnis nicht verkümmern soll. Seit Jahrhunderten gehört er zur deutschen Lebenswelt und bleibt trotz aller politischen Veränderungen Bestandteil unserer Kultur. So gehören zu den von der UNESCO aufgenommenen deutschen Weltkulturerbestätten eben nicht nur der Kölner Dom oder die Altstadt von Lübeck sondern auch die Friedenskirchen von Jauer und Schweidnitz und die Jahrhunderthalle in Breslau.[9]

Wolfgang Kraus

[1] Kossert, Andreas, Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945. München 2008, S. 323.

[2] Vgl.  u.a. Bode, Sabine, Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen. München(2004) 2011.

[3] Kossert, S. 325.

[4] Vgl. Kossert, S. 327.

[5] Ebd.

[6] Vgl. Bode, S. 31f.

[7] Kossert, S. 333.

[8] Bode, Sabine, Nachkriegskinder. Die 1950er Jahrgänge und ihre Soldatenväter, Stuttgart 2011.

[9] Vgl. Kossert, S. 336.

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