Firmengeschichten

Fleischerei Aust, Uferstraße 1

Der Fleischermeister Andreas Aust und seine Ehefrau Berta gründeten im Jahre 1880 in der Uferstraße 1 ein Fleischerfachgeschäft. Dieses Geschäft entwickelte sich so gut, dass sie in den Jahren 1901 – 1903 einen großen dreistöckigen Neubau errichten konnten.

Uferstr. Nr. 1 - Fleischerei Aust

1918 übernahm Max Aust den Betrieb von seinem Vater, tatkräftig unterstützt von seiner Ehefrau Emma und seinem Bruder Fritz, der Ende des Zweiten Weltkrieges als vermisst gemeldet wurde. Max Aust verstarb jedoch bereits 1928 bei einem Verkehrsunfall.  Unter der Leitung seiner Ehefrau florierte das Geschäft aber weiter. Begehrt waren die schmackhafte “Knoblichworscht”, die Leber- und Blutschlachtwurst (“Plimpel”) und die Weißwürste zum Weihnachtsfest.

Herbert Aust

Im Jahre 1940 übernahm Herbert Aust das Geschäft von seiner Mutter und führte dieses gemeinsam mit seiner Ehefrau Margot erfolgreich weiter. Sein jüngerer Bruder Walter hatte ebenfalls das Fleischerhandwerk erlernt.

Bei Kriegsende geriet Herbert Aust in russische Gefangenschaft. Seine Ehefrau kam mit den drei Söhnen nach Niedersachsen, in die Nähe von Sulingen. Unter schwierigsten Verhältnissen begann sie mit dem Verkauf von angelieferten Fleischwaren. Im Jahre 1949 kehrte Herbert Aust aus der Gefangenschaft zu seiner Familie zurück. Sein sehnlichster Wunsch war die Wiedereröffnung einer eigenen Fleischerei. Dieser Wunsch sollte sich auch bald realisieren. Am 23. September 1952 eröffnete er mit seiner Ehefrau und seinem Schwager, Fleischermeister Albert Wittig, in einem für ihre Zwecke umgebauten Haus in Delmenhorst ein Fleischereigeschäft. Im Jahre 1974 konnte der Betrieb weiter ausgebaut und renoviert werden. Der zweitälteste Sohn Reinhard übernahm später das Geschäft von seinem Vater.

Cellulosefabrik “Feldmühle”, Liebau-Dittersbach

Dr. Leo Gottstein (26.05.1850 - 31.01.1922)

Gründer der Liebauer “Feldmühle” war Dr. Leo Gottstein. Am 26. Mai 1850 erblickte er in Breslau als Sohn des Kaufmannes Emauel Gottstein und dessen Ehefrau Rose, geb. Behrend das Licht der Welt. Nachdem er zuerst vergleichende Anatomie studiert hatte, wechselte er anschließend zum Chemiestudium und promovierte in diesem Fach in Straßburg. Als naher Verwandter des Papierfabrikanten M. Behrend-Varzin, der den Patentstreit gegen einen Miterfinder des Sulfitzellstoffs, Alexander Mitscherlich, gewonnen hatte, beabsichtigte Gottstein die Gründung eines Zellstoffwerkes. Die Sulfitzellstoffherstellung faszinierte ihn, denn es gab damals überhaupt kaum etwas Zeitgemäßeres und Aussichtsreicheres als diesen Halbstoff für die Papierherstellung.

Er begab sich im Sommer 1885 in Schlesien auf die Suche nach Grund und Gründern für ein von ihm geplantes Zellstoffwerk. Den Grund fand er in Liebau. Es war eine uralte Mühle, “Feldmühle” genannt und sie stammte aus dem 13. Jahrhundert. Ursprünglich war sie die Stiftsmühle des Klosters Grüssau, anschließend diente sie lange Zeit als Mangelanlage für das Hauswebergewerbe der Gegend. In dem Gründungsbericht heißt es über die Feldmühle: “Nach vielseitigen, vorsichtig und sachverständig angestellten Erhebungen wurde das Grundstück, genannt “Feldmühle”, in Dittersbach (Grüssau) bei Liebau als geeignet zur Anlage der Fabrik befunden”. Sehr schnell fanden sich auch Gründer in genügender Zahl und am 27. August 1885 wurde die “Schlesische Sulfit-Cellulose-Fabrik Feldmühle” Liebau mit einem Aktienkapital von 360.000 Mark gegründet. Die Gründungsverhandlung fand in Schmidts Hotel in Liebau statt. Dr. Leo Gottstein wurde zum alleinigen Direktor des Unternehmens bestellt und beteiligte sich mit 30.000 Mark an diesem Unternehmen.

Die alte Feldmühle in Liebau 1885

Bereits 1891 wurde ein Zweigwerk in Cosel an der Oder erbaut, 1895 entstanden Papiermühlen in Liebau und in Cosel. Die Hauptverwaltung wurde damals nach Breslau verlegt. 1906 war das Unternehmen Mitbegründer der “Pommerschen Zellstoff-Aktiengesellschaft” bei Stettin und übernahm deren gesamtes Aktenkapital im Jahre 1910. Nunmehr nannte sich die Firma “Feldmühle, Papier- und Zellstoffwerke AG”. Weitere Papiermühlen wurden errichtet (Odermünde, Dierfeldgarn GmbH Oberlangenbielau) oder aufgekauft (Pommersche Papierfabrik Hohenkrug).

Aus bescheidenen Anfängen hatte Dr. Leo Gottstein eines der bedeutendsten deutschen Unternehmen der Zellstoff- und Papierfabrikation geschaffen. Die Feldmühle zählte zeitweise zu den zehn größten Unternehmen Deutschlands. Nach dem Krieg befand sich der Firmensitz zunächst in Hillegossen bei Bielefeld, später in Düsseldorf. Im Laufe der Jahre änderten sich sowohl die Namen der Besitzer als auch die Firmennamen. Zum Schluss wurden aus der “Feldmühle Nobel AG”, später die “Stora Feldmühle AG” und heute die Stora Enso Deutschland GmbH” mit Sitz in Düsseldorf, Feldmühleplatz. Der Straßenname erinnert noch an die Anfänge.

Zum Andenken an den Firmengründer stiftete die Feldmühle der Stadt Liebau ein Parkgelände, das nach Dr. Gottstein benannt wurde. Der Gottstein-Park lag an der Straße, die nach Buchwald führte.

Der Gottsteinpark

Etrich-Fliegerwerk

Dr. Ignaz Etrich (25.12.1879 - 04.02.1967)

Einige Jahre war Liebau Sitz eines Fliegerwerkes, und zwar des Etrich-Fliegerwerkes. Gründer war Dr. Ignaz Etrich, der am 25. Dezember 1879 in der ostböhmischen Kreisstadt Trautenau als Sohn eines Textilindustriellen geboren wurde. Seine Eltern besaßen in dem nahe gelegenen Ort Oberaltstadt Flachsspinnereien. Nach der Schulausbildung studierte Etrich in Leipzig. Bereits als Gymnasiast begann er mit seinen Flugversuchen. Mit seinem Vater baute er ein Versuchslabor. Dieser erwarb nach dem Tode Otto Lilienthals aus dessen Nachlass einen älteren Gleiter und den Schlagflügelapparat. Nach eigenen Ideen bauten sie einen Rampenstartgleiter, der jedoch nicht funktionierte. Erst die Zusammenarbeit mit dem Ingenieur Franz Wels brachte Erfolge. 1907 ging Etrich nach Wien und baute auf dem Gelände der Rotunde im Wiener Prater sein erstes Motorflugzeug, die Etrich I. Nach weiteren Verbesserungen entstand 1910 jene Maschine, die untrennbar mit seinem Namen verbunden ist, die “Etrich-Taube” (Etrich II). Sie wurde in Österreich patentiert. Dagegen sah sich das deutsche Patentamt außerstande, ein Patent auf die “Etrich-Taube” zu erteilen.

Die "Etrich - Taube"

Etrich - Werk in Liebau

Dr. Etrich begab sich nach Liebau und gründete im Jahre 1912 das Etrich-Fliegerwerk zur serienmäßigen Erzeugung seiner Maschinen. Später gründete er die Brandenburgischen Flugzeugwerke und nahm aus Liebau seinen sehr talentierten Konstrukteur mit, Ernst Heinrich Henkel. Nach dem 1. Weltkrieg ging Etrich nach Trautenau zurück und entwarf ein weiteres Flugzeug, seine Sport-Taube, ein 40 PS starkes Sportflugzeug. Bei den ersten Testflügen stellte sich heraus, dass dieses Flugzeug schneller flog als die damaligen Militärflugzeuge der Tschechoslowakei. Die tschechischen Behörden unterstellten Etrich, sein Flugzeug für Schmuggelaktivitäten gebaut zu haben und beschlagnahmten es.

Daraufhin beendete er weitere Luftfahrtbemühungen und widmete sich nun ganz seinem Textilmaschinenbetrieb. Im Jahre 1944 erhielt er den Ehrendoktortitel der Technischen Hochschule. Nach seiner Ausweisung aus der Tschechoslowakei im Jahre 1945 ließ er sich mit seiner Ehefrau zunächst in Freilassing und später in Salzburg nieder. Seine beiden Flugzeuge, mit denen er berühmt wurde, befinden sich heute in Museen und können dort von der Nachwelt bestaunt werden. Die “EtrichII” ist im Technischen Museum in Wien ausgestellt und die “Sport-Taube” hat ihren Platz im Technischen Museum Prag erhalten. Dr. Ignaz Etrich starb am 4. Februar 1967 in Salzburg.

Kaufhaus Walter, Landeshuter Str. 3/5

Joseph Walter (17.03.1843 - 06.05.1906)

Der Firmengründer Joseph Walter wurde am 17. März 1843 in Liebau als Sohn einer alteingesessenen Stellmacher- und Wagenbauerfamilie geboren. Das Wagnerhandwerk hatte in früheren Zeiten in Liebau eine ganz besondere Bedeutung, da eine alte Heer- und Handelsstraße von Schlesien nach Böhmen durch die Stadt führte. Davon zeugten auch die vielen Gasthäuser mit Ausspannung.

Entgegen der Familientradition erlernte Joseph Walter jedoch in Waldenburg den Kaufmannsberuf. Nach der abgeschlossenen Berufsausbildung kehrte er in seine Heimatstadt Liebau zurück.

Landeshuter Str. Nr. 5 - Kaufhaus Walter

In der Landeshuter Straße Nr. 5 erwarb er ein Grundstück und ließ ein großes Geschäftshaus mit Kaffeerösterei und zahlreichen Lagerräumen errichten. Hier gründete er am 1. Juli 1868 die Firma Joseph Walter, ein Einzel- und Großhandelsunternehmen, das dank seiner kaufmännischen Fähigkeiten bald im ganzen Kreise und jenseits der Grenzen bekannt wurde. Joseph Walter besuchte seine Großhandelskunden in Schömberg und den Dörfern in Liebaus Umgebung auf einem dreirädigen Hochrad. So etwas war in der damaligen Zeit, besonders in der Kleinstadt, eine Sensation. Mit diesem Rad ist er auch einmal bis nach Breslau und wieder zurück gefahren.

Verheiratet war Joseph Walter mit Anna Matzker, einer Schwester des bekannten Landeshuter Kantors Joseph Matzker.

Sein Sohn Wilhelm Walter schuf in der Zeit von 1912 bis 1913 durch Ankauf des Nachbargrundstückes Nr. 3 und einem großzügigen Ausbau der Geschäftsräume ein modernes Kaufhaus.

Landeshuter Str. 3/5 - Kaufhaus Walter

Firmenwerbung

Nach 1946 lebte die Familie Walter in Delmenhorst.

Landeshuter Straße - Rechts: Kaufhaus Walter

Firma H. & F. Wihard, Landeshuter Straße 34

Ein großer Leinen- und Garnfabrikant in Liebau war der Kommerzienrat Hugo Dionysius Wihard, der Gründer der Weberei und Spinnerei H. und F. Wihard AG. Geboren wurde er am 09.10.1816 in Liebau als dritter Sohn des dortigen Garn- und Leinenhändlers Franz Anton Wihard (1771 – 1841) und dessen Ehefrau Maria, geb. Linke (1786 – 1853) aus Ullersdorf. Der Stammvater der Wihards, Adam Wihard (1659 – 1744), kam Ende des 17. Jahrhunderts aus dem Westen nach Schlesien. Sein Weg führte ihn über Grüssau nach Liebau. Hier begann er als Zier- und Orangenwärter. Dessen einziger Sohn studierte Rechtswissenschaften und gründete in Liebau eine Weinhandlung, der sich später eine Leinen- und Garngroßhandlung anschloss. Als Hugo Wihard nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1841 die Firma übernahm, hatte sich diese gerade ganz langsam von den Wirren des napoleonischen Krieges erholt. Trotzdem entschloss er sich zur Gründung eines neuen Leinen- und Garnhandels. Der Anfang war allerdings sehr beschwerlich, da auf dem neuen Unternehmen hohe Hypotheken lasteten. Die Erzeugung einer ganz neuen Rohleinensorte brachte nicht nur ihm, sondern auch den Hausleinewebern bessere Verdienstmöglichkeiten.

Am 14.10.1845 heiratete er Maria Dorothea Steffan aus Arnau, die Tochter eines Geschäftsfreundes. Aus dieser Ehe gingen sieben Kinder hervor. Sowohl privat als auch beruflich konnte Hugo Wihard jetzt mit seinem Leben zufrieden sein. Aber dann kam das unselige Jahr 1848. Es begann mit der Deutschen Revolution im März 1848, die auch in Liebau für Aufregung sorgte. Der amtierende Bürgermeister wurde durch eine Revolte zur Abdankung gezwungen und Hugo Wihard übernahm das Bürgermeisteramt. Es sollte jedoch noch schlimmer kommen. Am 17.09.1848 brach der große Stadtbrand aus, dem innerhalb von drei Stunden 136 Häuser, 38 Scheunen und Ställe mit der gesamten Ernte zum Opfer fielen. Auch die Familie Wihard verlor mehrer Häuser.

Nach einigen Jahren der Erholung erkannte Hugo Wihard, dass die Handweberei wohl nur noch kurze Zeit überleben würde und der mechanische Webstuhl die Zukunft bedeute. Im Jahre 1857 gründete er eine mechanische Flachsgarnspinnerei. Das neue Werk kostete damals 500.000 preußische Thaler und bedeutete für die damalige Zeit ein hohes geschäftliches Risiko. Aber diese Investition rentierte sich bald. 1871 trat Sohn Friedrich in die Firma ein und die Firmenbezeichnung wurde in “H. und F. Wihard” geändert. Als der Sohn Friedrich starb, trat an dessen Stelle sein jüngerer Bruder Franz. Die Aufträge nahmen zu und die Firma entwickelte sich zu einem immer größeren Unternehmen. Im Jahre 1874 wurde die Weberei gebaut und 1879 die Flachsgarnspinnerei in Schatzlar erworben. In beiden Spinnereien und der Weberei waren über 1000 Beschäftigte tätig. Auch das 1867 gegründete Konkurrenzunternehmen des Liebauer Bürgermeisters Strecke (die spätere Spinnerei Faltis Erben) konnte den geschäftlichen Erfolg der Firma Wihard nicht schmälern.

Die Wihard-Werke

Neben seiner verantwortungsvollen beruflichen Tätigkeit bekleidete Hugo Wihard auch politische Ämter. Er war in Liebau Stadtverordneter und Magistratsmitglied, mehrfach Provinzial-Landtagsabgeordneter, bis zu seinem Tod Kreistagsabgeordneter und zehn Jahre Präsident der Handelskammer Landeshut. Kurz vor seinem Tod wurde er 1887 in Anerkennung seiner 40jährigen Tätigkeit als Stadtverordneter und seiner besonderen Verdienste um die Stadt Liebau zum Ehrenbürger ernannt.

Trotz aller Erfolge blieb er aber auch von privaten Schicksalsschlägen nicht verschont. Zwei Kinder starben bereits in jungen Jahren, darunter sein Sohn Friedrich, der 1871 in die väterliche Firma eingetreten war.

Kommerzienrat Hugo Wihard verstarb am 28. Juli 1887 und wurde am 31. Juli 1887 in Liebau beigesetzt. Nachfolger wurden seine Söhne Hugo (1852 – 1915) und Franz (1856 – 1903). Nach dem Tode seines Bruders Franz war Hugo Wihard Alleineigentümer der Firma. Er hinterließ drei Töchter und mit ihm wurde 1915 der letzte männliche Träger des namens Wihard in der sechsten Generation zu Grabe getragen.

Markt Nr. 20 - Das Wihard-Haus

Marie Wihard, die Witwe des Kommerzienrates, lebte nach dem Tode ihres Ehemannes bis zu ihrem Ableben im Jahre 1902 im Haus, Markt Nr. 20. Es wurde auch als “Damenhaus” bezeichnet. Die Erbengemeinschaft Wihard verkaufte dieses Haus 1926.

Salon im Wihard-Haus

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